Wir haben 2021 schon einmal erlebt, wie schnell sich antisemitische Stimmungsmache auf TikTok und anderen sozialen Medien verbreiten kann und alte Formen des Antisemitismus multimodal vermittelt bei der jungen Generation Anklang finden. Seit dem Terror des 07. Oktobers und dem nachfolgenden Krieg in Gaza, erleben wir das in noch größerem Ausmaß. Auch ein Jahr danach finden wir eine einseitige und verschärfte Diskurslage vor. So wird in Videos zum Boykott von Produkten und Firmen aufgerufen, denen irgendeine Verbindung zum israelischen Staat nachgesagt wird. Meist ohne jegliche Nachweise, die Behauptung reicht aus. In einigen Videos laufen Nutzer*innen beispielsweise durch Drogeriemärkte und deuten auf alle Produkte, die ihrer Meinung nach nicht mehr konsumiert werden dürften. Die Videos orientieren sich an den Ansätzen der Boykottbewegung BDS. Prominentestes Opfer der Boykottkampagnen war Starbucks. Auf TikTok gab es sogar einen Soundtrend dazu. Die Videos laufen ungefähr immer gleich ab: Nutzer*innen nehmen einen repräsentativen Schluck aus einem Kaffeebecher während im Hintergrund der Sound “Mhhh…Do you know what that tastes like? Like a company that doesn’t support Genocide!” (dt. Mhhh… Weißt du wonach das schmeckt? Nach einer Firma, die keinen Genozid unterstützt!) läuft. Hier wird nicht nur eine vermeintliche politische Positionierung des Unternehmens unterstellt, sondern auch eine Mittäterschaft. Der Vorwurf des Genozids ist bis auf Weiteres nicht rechtlich geklärt. Den Vorwurf des Genozids, der hier salopp in den Raum gestellt wird, sollte in der Überprüfung lieber im IGH Verfahren geklärt werden.
Weitaus weniger codiert und umstritten zeigten Creator*innen offen Sympathie mit der Hamas und relativieren den Terror. Noch immer wird der Anschein vermittelt, das Massaker am 7.10.2023 wäre nie passiert oder als Widerstand verklärt. Die Geschichte des Nahostkonflikts wird entkontextualisiert, einseitig und vereinfacht dargestellt.
TikTok reagierte mittlerweile mit 2 Maßnahmenpaketen, um gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit vorzugehen. Richtlinien zu Hassrede wurden zuletzt ergänzt, um zukünftig auch gegen indirekte Formen besser vorgehen zu können. Hierzu zählt auch die Bezeichnung als Zionisten, wenn dies in abwertender Form und stellvertretend für Juden*Jüdinnen gemeint ist.
Während TikTok mit Nachdruck gegen antisemitische Inhalte vorgeht, kommt Algospeak immer häufiger zum Einsatz (s. letzter Newsletter). Statt von der Hamas zu sprechen, nutzen Creator*innen häufig Umschreibungen wie Humus oder H@m@s, wenn sie von der Terrororganisation Hamas sprechen. Israel wurde zuletzt in Videos mit izzy, is real oder isra hell umschrieben. Letzteres dämonisiert den einzigen jüdischen Staat.
Als zu Beginn dieses Jahres die Proteste gegen Rechtsextremismus auf Deutschlands Straßen Anlass zur Hoffnung gaben, wurden Videos veröffentlicht, in denen das Verwenden der israelischen Fahne bei diesen Protesten als Bekenntnis zur aktuellen Regierung Israels geächtet wurde. Protestierende wurden in dem Video aufgefordert, sich hiervon zu distanzieren, da es ein Zeichen für Rechtsextremismus sei. Dass die Fahne auch als widerständiges Zeichen nach der Shoah aufgefasst werden kann, wird nicht zugelassen. Ziel ist es, jegliche Ambivalenz zu tilgen und an einem manichäischen Weltbild anzuknüpfen, in dem die israelische Fahne lediglich als Negativsymbolik firmiert.
|