Thomas Hornauer, der sich selbst als König von TikTok bezeichnet, lässt Jugendliche in seinen Livestreams für ihn zu meditativen Klängen tanzen. Der selbsternannte König lädt in einigen Fällen sogar zur Privataudienz. Er finanziert sich mitunter durch exzessives Livestreaming auf TikTok. Seine schillernde bis skurril erscheinende Persönlichkeit belustigt viele und zieht sowohl junge Anhänger*innen als auch Trolle und auch Personen an, die Inhalte über ihn machen, um sich über ihn zu erheben. Das treibt die Interaktionsrate und Reichweite hoch und verleiht Hornauer einen zweifelhaften Kultstatus. Das Phänomen erinnert ein wenig an den Drachenlord. Dabei ist Hornauer auch durch seine Kontakte zu Reichsbürgern, Interviews im zuletzt verbotenen Compact Magazin und das Verbreiten von Verschwörungserzählungen bekannt. Aber auch darüber hinaus ist seine Vita nicht gerade vertrauenserweckend. Auf TikTok hatte er kurzzeitig sogar einen blauen Haken. Was er mit seiner geplanten Fernsehsenderübernahme damals nicht geschafft hat, löst TikTok mittlerweile für ihn ein. Seine Videos erreichen größtenteils mehr als eine Million Views und er erreicht damit mehr Menschen, als es mit einer klassischen Fernsehlizenz möglich gewesen wäre.
Auch Esoteriker*innen versuchen bei jungen Nutzer*innen anzukommen, verschicken Lichtenergie an fleißig Kommentierende oder verweisen direkt auf ihren Shop, wo das eine oder andere Hilfsmittelchen für nicht wenig Geld zu haben ist. Der Yogi Volker Bretz, der zuletzt durch eine Doku des WDR in die Kritik geriet, baut sich mit personalisierten Videos für Nutzer*innen eine neue Anhänger*innenschaft auf. Auf TikTok bleibt die kritische Rezeption seiner Person aus. Beiden gemein ist, dass die Inhalte auf den ersten Blick harmlos und allenfalls skurril erscheinen. Dass solche Akteur*innen ihre Macht und Reichweite jedoch ausnutzen und missbrauchen können, bleibt außer acht. Sie können sich via TikTok finanzieren und auch TikTok verdient an ihnen, wenn sie live gehen. Die Verifizierung kann als zusätzliche Form der Adelung und Anerkennung verstanden werden und Reichweite wird zur Gefolgschaft umgedeutet, mit der bestimmte Erwartungen einhergehen.
Neben Heilsbringer*innen finden sich aber auch zahlreiche selbsternannte Coaches, Vertreter*innen alternativer Weltanschauungen und Schneeballsysteme, die damit locken, Orientierung zu bieten. Orientierung in einer Welt, die für viele Jugendliche immer widersprüchlicher und paradoxer erscheint. Coaches bieten ihre Lebensphilosophien, seien sie auch noch so fragwürdig, in kurzen Videoformaten feil. Hier zählt nicht die Expertise, sondern wie gut sich die Personen vermarkten können und eine Anhänger*innenschaft mit Charisma und Videovermittlungsfähigkeiten von sich überzeugen können. Junge Männer werden angesprochen mit Inhalten zu Ernährung, Körperoptimierung, zwischenmenschlichen Beziehungen und Finanzfragen. Orientierungslosigkeit und Selbstfindungssuche werden absolute und unterkomplexe Glaubenssätze entgegengesetzt. Während junge Frauen stärker adressiert werden “zu manifestieren”, Horoskopen und Tarot zu folgen oder esoterische Praxen zum selbstverständlichen Bestandteil von Wellness und Selfcare Angeboten gemacht werden. Der Verschwörungsglaube der sich ansonsten häufig auf das “Große ganze” als Welterklärungsmuster konzentriert, nimmt hier das Individuum und das emotionale Innenleben in den Fokus. Conspirituality, als eine Mischung aus Verschwörungsglauben und Spiritualität zur persönlichen Selbstoptimierung ist auf allen Social Media Plattformen groß im Kurs. Mögen auch diese im ersten Moment harmlos erscheinen, so erkennt man bei genauerem Hinsehen, dass derlei Angebote gerade für kranke, vulnerable Gruppen und marginalisierte Menschen mit wenig Selbstwirksamkeit zur Falle werden können. Nämlich dann, wenn statt Medikamenten esoterische Produkte und Praxen angepriesen werden oder statt einer psychologischen Behandlung falsche Stabilität durch kostspielige Workshops und Beratungen empfohlen werden. Die Berufsbezeichnung Coach ist nicht geschützt und zieht so auch viele Quaksalber*innen und Personen an, die aus dem Leid anderer ihren Profit ziehen wollen oder sogar noch zum Teil eines Schneeballsystems werden lassen. Gemein ist diesen Angeboten meistens, dass diese nicht faktenbasiert und auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Medizin und psychologischen Betreuung sind. Teil ihrer Strategie ist es daher nicht nur sich im jeweiligen Bereich bestehender Kontrollmechanismen und Qualitätskontrolle zu entziehen, sondern als Teil der Selbstlegitimierung und Immunisierung seriöse Angebote anzugreifen und diese in ein schlechtes Licht zu rücken.
Ein Zeichen von branchenübergreifender Professionalität kann daher auch immer die Offenheit sein, dem gegenüber Raum für Zweit- und Drittmeinungen Raum einzuräumen. TikTok und andere Social-Media-Plattformen dienen hier der Anwerbung, Verbreitung der eigenen Weltsicht und dem dazugehörigen Self-Marketing. Hinweise auf Shops finden sich im Profil oder Produkte werden direkt und schamlos in Videos beworben. Ein Phänomen, das, mit dem angekündigten TikTok Shop als neues Plattformfeature in den nächsten Monaten, noch weiter zunehmen dürfte. Neben dem Blick auf das Angebot sollten die Ursachen für die Empfänglichkeit nicht außer Acht gelassen werden. Außerdem gilt es hier auch nochmal eindringlich auf die Leerstelle bestehender professioneller digitaler Angebote hinzuweisen. Ob Coach oder “König”, sie finden ein Vakuum vor. Denn Soziale Arbeit, Prävention und Beratungsstellen sind phänomenübergreifend auf TikTok immer noch unterrepräsentiert. Während im medizinischen Bereich zahlreiche Creator*innen vertreten sind, die Desinformationen zu Gesundheitsthemen auch aktiv ihre Expertise entgegenstellen und Mythen debunken, fehlt es an seriösen Angeboten und lebensweltorientierten Anlaufstellen. Auch Fake Akteur*innen, die sich als pädagogische Fachkräfte ausgeben, treiben ihr Unwesen auf TikTok. Sie nutzen bestimmte Berufsbezeichnungen, um sich einen professionellen Anstrich zu verschaffen und begehen damit bereits vorsätzlichen Missbrauch. Dass es nicht schwer ist, sich als etwas auszugeben, was man nicht ist. Das hatte vor einigen Jahren schon der Fall von “Liebe, wen du willst” gezeigt. Ein “Groomer”, der behauptete Sozialarbeit für queere Jugendliche zu leisten, trieb sein Unwesen auf Plattformen wie TikTok.
Nur durch eine aufmerksame Community kam der Fall ins Rollen. Es zeigt auf, wie wichtig es ist, bei Onlineangeboten Transparenz, Überprüfbarkeit des seriösen Angebots und den Schutz vor missbräuchlichen Angeboten über das eigene Angebot hinaus mitzudenken.
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