Dass sich rechtsextreme Akteur*innen Trends, Memes und Sounds zu eigen machen und diese nutzen, um ihre Ideologie an die breite Masse heranzutragen, ist kein neues Phänomen. Die schockierten Reaktionen auf ein Video, in welchem junge wohlhabende Erwachsene auf Sylt “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!” gröhlen, verdeutlichen die weit verbreitete Unwissenheit über den rassistischen Normalzustand in Deutschland. Bereits im Oktober letzten Jahres erschienen die ersten Videos auf sozialen Medien mit den rassistischen und nationalistischen Parolen in der Melodie des alten Popsongs „L’amour toujours“ von Gigi d'Agostino.
Neben Songs, Memes und anderen Trends, ist es bei Rechtsextremen auch eine weit verbreitete Praxis, progressive Tage oder Events zu kapern. Schon im Jahr 2021 sorgte der angeblich ausgerufene „National Rape Day“ für Aufruhr. Eine Gruppe Männer soll auf TikTok die Falschmeldung verbreitet haben, dass Vergewaltigungen am 24. April angeblich legal seien. Anderen Berichten zufolge handelte es sich ursprünglich um ein Sharepic, welches als eine Art Kettenbrief verbreitet wurde. Solche antifeministischen Trolling-Kampagnen gibt es schon länger. Sie sollen einschüchtern, Betroffene sexualisierter Gewalt retraumatisieren und rufen Phantomdiskussionen hervor. Auch 2024 kursierten erneut Videos über den erfundenen Tag: Von Aufrufen, Mädchen und Frauen ohne Konsequenzen belästigen zu können bis zu Warnungen und Videos, in denen Creator*innen ihre Sicherheitsvorkehrungen präsentierten. Auch an Schulen hat diese Falschmeldung für Unruhe gesorgt. Eigentlich steht der April in den USA im Zeichen des „Sexual Assault Awareness Month“. Dieser soll das gesellschaftliche Bewusstsein zum Thema sexualisierte Gewalt durch zahlreiche Veranstaltungen, Kampagnen und Aktivitäten schärfen und Präventionsmaßnahmen fördern.
Das Phänomen, progressive Tage oder Monate zu kapern, existiert jedoch nicht nur in den USA. Die Social Media Kampagne „#Stolzmonat“ wurde von rechtsextremen Akteur*innen im deutschsprachigen Raum ins Leben gerufen. Ein Twitter-Post der AfD Wuppertal, der ein Zitat aus dem Lied "Neue deutsche Härte" des Rappers Fler enthielt ("Schwarz-Rot-Gold – Hart und stolz"), gilt als Auslöser.
Die Kampagne wird seitdem als Gegenmaßnahme zum Pride Month genutzt und zielt darauf ab, den Juni, in welchem die Kämpfe und Errungenschaften der LGBTQIA+ Community gefeiert werden, in einen Monat des nationalistischen und rechten “Stolzes” umzuwandeln. Ein bewusstes Ablenkungsmanöver mit dem Ziel, progressive Bewegungen zu diskreditieren und mithilfe von Reframing rechtsextreme Deutungshoheit zu erlangen. Dabei werden Symbole und Rhetoriken verwendet, die nationalistische und queerfeindliche Inhalte transportieren. Die Kampagne soll den Anschein einer organisch entstandenen Graswurzel-Bewegung erwecken. So wurde beispielsweise eine eigene Stolzmonat-Fahne entworfen.
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